Als die Ausstellung „Wotruba International“ im Wiener Belvedere 21 angekündigt wurde, bot sich die Gelegenheit, eine Exkursion zu Bauten des Brutalismus im Osten Österreichs zu unternehmen. Fritz Wotruba, der bedeutendste heimische Bildhauer nach dem Zweiten Weltkrieg, entwarf über die Jahre zahlreiche zunehmend reduzierte Skulpturen – gebaut hat er jedoch nur einmal: die Wotruba-Kirche –  heute in nahezu jedem Architekturführer repräsentativ für den österreichischen Brutalismus.

Der Ruf des Brutalismus ist ambivalent. Die massiven Sichtbetonbauten gelten vielen als kühl, abweisend oder gar unschön. Doch der Begriff geht nicht auf „brutal“ zurück, sondern auf „béton brut“ (Französisch für „roher Beton“). Die unverkleidete Bauweise betont klare, massive Formen und offenbart funktionale Gestaltung. Der rohe Beton als Sprache des Echten kann durchaus faszinieren – von dieser herben Schönheit konnte ich mich auf unserer Reise überzeugen.

Berufsorientierung in Beton

Mit Zug und Bus gelangten wir zum WIFI St. Pölten. Karl Schwanzer, errichtete hier in den frühen 1970er Jahren ein Ensemble, in dem ausgefeilte Gedanken zur Gestaltung von Bildungsräumen sichtbar werden.

Als ehemaliger Erwachsenenbildner war ich besonders beeindruckt vom Gang über den Werkstätten, der optisch das Rückgrat des Gebäudes bildet. Von dort aus konnten Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit Eltern Lehrberufe in der Praxis erleben – sozusagen Berufsorientierung in Beton gegossen. Schwanzer gestaltete jedes noch so kleine Detail: Wand- und Bodenfliesen, Fenster, Türen und sogar die Innenmöblierung (die originalen Sessel sind heute in Nachbauten noch in Gebrauch). Leider existiert das ursprüngliche Gesamtensemble – mit einem flunderförmig angeordneten Schulungsbau, flankiert von einem markanten Turm – heute nur noch auf historischen Fotos oder Modellen. Das Hochhaus wurde vor der Jahrtausendwende abgetragen.

Skulptur mit Deckel

Weiter führte uns die Exkursion zu noch einem streng funktionalistischen Bau von Karl Schwanzer. Ein Stahl-Glas-Pavillon, errichtet für die Weltausstellung 1958 in Brüssel, wurde in Wien als „20er Haus“ wieder aufgebaut – das erste neue Museum im Nachkriegsösterreich. Vor einigen Jahren unter der Regie des Architekturbüros Krischanitz saniert fungiert es heute als Belvedere 21, ein Museum für zeitgenössische Kunst. Bis Jänner 2026 wird dort Wotrubas Lebenswerk präsentiert. Besonders reizvoll ist die Ausstellungskonzeption: Leichte Pappkartonsockel inszenieren die schweren Steinskulpturen – darunter das Modell der Wotruba-Kirche – in eindrucksvoller Spannung.

Als wir im Abendlicht dann den eigentlichen Sakralbau am Rand Wiens besuchten, nahm uns schon bei der Ankunft das zerklüftete Gebäude aus 152 unbehandelten Betonblöcken optisch gefangen – Ensemble aus Beton in Bewegung. Der Architekturkritiker Achleitner nannte sie „tanzende Figuren“. Zwischen den massiven Betonelementen öffnet sich ein Raum, der mehr an eine Skulptur als an ein klassisches Gotteshaus erinnert – manche sagten schon: „Eine Skulptur mit Deckel und Fenstern“.

Pannonischer Sichtbeton

Das Burgenland überrascht mit einer hohen  Dichte an brutalistischen Bauten. Unsere dritte Etappe führte so nach Oberwart zu einer Ikone des Sichtbetons: das Landeskrankenhaus Oberwart, erbaut bis 1988 von Matthias Szauer und Gottfried Fickl. Beim Näherkommen zeigt sich ein zentraler Baukörper mit überhöhtem sechseckigem Kern, imposanten Zugangssituationen und Stationsflügeln in Y-Anordnung.

Trotz des strengen, monumentalen äußeren Erscheinungsbilds sollen die Innenräume patienten- und mitarbeiterfreundlich sein, oder besser gesagt: gewesen sein.  Das Haus stand nicht unter Denkmalschutz und wird nun nach wenigen Jahrzehnten Betrieb abgetragen. Unser nicht ganz legaler Besuch auf der Abbruchbaustelle ist eine der letzten Gelegenheiten, dieses Zeugnis einer Architekturepoche zu erleben und zu fotografieren. Schade, dass, anders als an anderen Orten, eine Revitalisierung oder Nachnutzung nicht angedacht wurde.

Die Leere ist schwer auszuhalten

Wir spazieren weiter zur örtlichen Pfarrkirche – der „Osterkirche Oberwart„– ein Paradebeispiel für Sakralbau im Brutalismus und eine der markantesten Kirchenneubauten Österreichs. Initiiert von einem jungen, kunstinteressierten Pfarrer im Geist der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstand so 1967–1969 nach Plänen der Architekten Günther Domenig und Eilfried Huth ein ganzes Pfarrzentrum, da auch ursprüngliche und Jahrhunderte alte Kirche einbezieht, erzählt Pfarrsekretär Thomas Nemeth.

Der Bau zeichnet sich durch sichtbetonierte Flächen, strenge geometrische Formen und schlichte, ungeschmückte Fassaden auch im Inneren aus. Die Planer perfektionierten jedes Detail: Sessel, Orgel, ein Taufbecken, das man eher in einer Raumstation erwarten würde, Altar, Kelch und sogar die Hostienschale. Auch den Pfarrsekretär ärgert, dass die Außenfassade übermalt wurde und die Gemeinde mit Plakaten, Kinderzeichnungen und Bildern den Kirchenbau „verschönert“ – ganz entgegen dem ursprünglichen Intentionen: 1970 erklärten die Architekten, es gäbe bereits genug Bilder und Informationen –  man setze deswegen auf die Kontemplation der Leere. Wie sehr würde diese Haltung gerade heute zutreffen!

Spuren in Obersterreich

Mit intensiven Eindrücken kehrten wir nach Oberösterreich zurück. Wer hierzulande Fritz Wotruba suchen möchte: Ein Relief an der Linzer Otto-Glöckel-Schule gibt eine Ahnung seines Werks. Auch ob der Enns finden sich Bauzeugnisse dieser Zeit: etwa die Pfarrkirche Heiliger Geist in Linz-Dornach (Architekten Scheichl & Treml), das Seelsorgezentrum Steyr-Ennsleite (Arbeitsgruppe 4: Friedrich Kurrent, Johannes Spalt, Johann Georg Gsteu) oder die Pädagogische Hochschule der Diözese Linz (Franz Riepl, Othmar Sackmauer). Die letzten beiden Gebäude stehen vor umfassenden Sanierungen – es lebt Hoffnung, dass dies sensibel und respektvoll gegenüber dem architektonischen Erbe geschieht.

 


Alle Bilder hier.


 

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