Mit dem Autobus quer durch Europa, dann ein schönes Stück wandern — um einen Stein zu sehen. Verrückt? Für mich nicht, wenn es das wohl intimste Werk Bogdan Bogdanovićs ist.
Ein Grabmal auf einer Anhöhe am Stadtrand von Aranđelovac, Blick auf Agrarland, an den Hängen des Venčac. Šane Petrović, Politiker im ehemaligen Jugoslawien, hatte diesen Ort persönlich in seinem Testament als Grab bestimmt — 1980 baute Bogdanović ihn. Kein öffentlicher Memorialkomplex. Ein persönliches Grabmal. Und doch: die unverwechselbare Handschrift.
Der Mann dahinter
Bogdanović war Architekt, Urbanist, Lehrer, Schriftsteller — und Quergeist. In einer Zeit, in der der sozialistische Realismus die Norm setzte, Helden und Fäuste und Gewehre verlangte, baute er etwas völlig anderes: archaische Formen, neolithische Symbole, eine Sprache aus der Tiefe der Menschheitsgeschichte. Kein roter Stern, kein Hammer, keine Sichel — nie. Dafür erhielt er von Kollegen den Vorwurf, er schaffe „konkrete Geister von undefiniertem dekorativem Inhalt“. Er ließ sich nicht beirren.
Als Milošević an die Macht kam, wurde der überzeugte Jugoslawe zum Dissidenten, erhielt Morddrohungen, ging 1993 ins Exil. Erst Paris, dann Wien. Er starb 2010 dort. Während sein Vermächtnis im Architekturzentrum Wien liegt, ist er in Belgrad begraben, direkt neben dem ersten Monument, das er 1952 am jüdischen Friedhof gebaut hatte. Ein schöner Kreis.
Architektur-Tagesausflüge von Belgrad
Belgrad war für einige Tage unsere – Thomas und Christoph – Homebase. Von dort aus ließen sich Bogdanovićs Werke in Mittel- und Zentralserbien in Tagestouren jeweils gut erreichen — und es lohnte sich, auch diese schon vierte Reise zu den insgesamt rund zwei Dutzend Werken und Bauten zu unternehmen.
In Sremska Mitrovica besuchten wir seine frühe Gedenkstätte für die Opfer des Faschismus — damals einer der ersten Brüche mit dem sowjetischen Denkmalstil in Jugoslawien, einstimmig von der Jury gewählt. Landschaft als Erinnerungsraum, lange bevor das jemand so nannte.
In Bela Crkva stehen neun Granitsäulen, jede gekrönt vom traditionellen Šajkača-Hut — das Monument wurde 1971 zum 30. Jahrestag des Aufstands eingeweiht. Bogdanović hatte eigentlich seine typischen weiblichen Formen im Sinn; das Komitee bestand auf Männlichkeit und Heldentum. Er baute es trotzdem auf seine Weise. Davor, in seiner charakteristischen Schrift, der Vers des Dichters Ivan Lalić: „Hier sagte Serbien ‚Freiheit'“.
In Čačak schließlich steht eines seiner beeindruckendsten Werke: das Mausoleum des Kampfes und des Sieges, ein 12 Meter hohes Tripletor-Monument aus Stein und Holz, das die Überreste von über 4.600 gefallenen Partisanen und Zivilisten birgt. Rund 620 in Granit gemeißelte Ungeheuerköpfe bedecken die Struktur — entstanden, weil die Steinmetze aus Pirot einfach weitermachten und Bogdanović sie ließ. Ein Monument, das man nicht beschreibt, sondern erlebt. Die Ausrichtung folgt der Wintersonnenwende: Wer durch die Tore blickt, sieht exakt den Punkt, an dem die Sonne am 21. Dezember aufgeht — Tod und Geburt, eingebaut in Stein.
Viel bleibt
Der Stein in Aranđelovac ist kleiner als vieles andere. Aber er ist vielleicht das Menschlichste, was Bogdanović hinterlassen hat.
Und was ihn überdauert und als Beispiel dient? Nicht die Anpassung! Wahre Größe zeigt sich — auch heute — darin, sich dem zumeist vergänglichen Mainstream zu entziehen und dem Eigenen zu trauen. Bogdanović hat das getan und so ein beeindruckendes Werk geschaffen — schließlich kostete es ihn in den Kriegen der 90er Jahre Heimat und späte Karriere. Es scheint, als wäre es ihm das wert gewesen.


