Als ich vor einiger Zeit die alte bosnische Hauptstadt Travnik besucht habe, machten mich im dortigen Museum ein Löwe und ein Tiger stutzig.

Ein ausgewachsener, präparierter Löwe – in einer mittelbosnischen Kleinstadt. Kein Jagdtrophäen-Pathos, kein kolonialer Salon, sondern ein Exponat im Zavičajni muzej Travnik.

Ich musste nachforschen.

Travnik – eine Hauptstadt auf Zeit

Travnik war über anderthalb Jahrhunderte (1699–1850) Sitz der bosnischen Wesire des Osmanischen Reiches. Damit war die Stadt faktisch Verwaltungshauptstadt des osmanischen Bosnien.

Die Festung Stari Grad überragt bis heute die Stadt. Moscheen, Medresen, osmanische Wohnhäuser – Travnik trägt diese Epoche sichtbar in seiner Topografie.

Nach der Okkupation Bosniens durch Österreich-Ungarn 1878 wurde Travnik Teil der Habsburgermonarchie. Verwaltung, Bildung, Infrastruktur wurden neu organisiert – und genau in diese Phase fällt die Geschichte des Löwen.

Ein Geschenk aus Wien?

In lokalen Darstellungen wird erzählt, dass Schüler der „Velika nadbiskupska gimnazija“ 1887 Kaiser Franz Joseph I. zu seinem Geburtstag gratulierten. Der Kaiser habe sich bedankt und gefragt, womit er die Schule beschenken könne. Die Antwort aus Travnik: mit einem Löwen und einem Tiger.

Kurz darauf seien präparierte Tiere aus Wien – teils wird von einem „Carski muzej“, teils von Schönbrunn gesprochen – nach Travnik geliefert worden.

Diese Version findet sich in mehreren lokalen Publikationen und auf Museumsseiten. Ein externer, wissenschaftlicher Hinweis spricht ausdrücklich von „pokloni bivšeg Carskog muzeja iz Beča“ – Geschenke des ehemaligen kaiserlichen Museums aus Wien. Was bislang online nicht auffindbar ist: ein abgebildetes Originaldokument – kein Begleitschreiben, kein Inventareintrag, kein Versandprotokoll.

Gerade das macht die Sache reizvoll. Travnik ist kein Ort der großen imperialen Narrative – sondern einer der Übergänge. Und genau hier steht plötzlich ein Löwe aus Wien.

Ivo Andrić – Literatur aus Travnik

Travnik ist auch Geburtsort von Ivo Andrić (1892–1975), Nobelpreisträger für Literatur. Sein Roman Wesire und Konsuln (Original: „Travnička hronika“) spielt genau hier – im Travnik der napoleonischen Zeit, als französische und österreichische Konsuln am osmanischen Wesirshof akkreditiert waren.

Ein literarisches Panorama diplomatischer Spannungen, kultureller Missverständnisse und politischer Übergänge. Travnik war also nicht nur Provinz, sondern Bühne europäischer Machtpolitik. Und Andrić hat diese Konstellation in Literatur verwandelt.

Der Löwe als Symbol

Ein Löwe in Travnik.

Er steht für eine Bildungsbeziehung zwischen Peripherie und Zentrum. Für das Habsburgerreich in Bosnien. Für naturkundliche Sammlungen als Instrumente von Aufklärung und Repräsentation. Und vielleicht auch für jene seltsame Gleichzeitigkeit, die Travnik auszeichnet:
Osmanische Hauptstadt.
Habsburgische Provinzstadt.
Schauplatz europäischer Diplomatie.
Geburtsort eines Nobelpreisträgers.

und:

Einer der vielen Orte eines Ustascha Massakers.

Dazu ist zu erzählen.

Nach der Besetzung Jugoslawiens durch die Achsenmächte im April 1941 wurde Bosnien Teil des Unabhängigen Staates Kroatien (NDH), eines faschistischen Marionettenstaates unter Kontrolle der Ustaša-Miliz. Diese führte systematische Terror- und „ethnische Säuberungs“-Aktionen gegen Serben, Juden und Roma durch.

Im Raum Travnik erließ die Ustaša-Verwaltung Anfang August 1941 eine Direktive zur Verhaftung und „Beseitigung“ von mutmaßlichen Kommunisten und Sympathisanten, wobei bei Serben und Juden häufig schon der bloße Verdacht genügte. Am 2. August 1941 kam es zu nächtlichen Verhaftungsaktionen, und am 3. August wurden die Gefangenen auf das Feld von Smrike bei Novi Travnik gebracht. Dort mussten die Opfer Gruben ausheben und wurden anschließend gruppenweise erschossen; die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt. Insgesamt wurden etwa 700 Zivilisten ermordet, die genaue Zahl ist jedoch unklar.

Heute erinnert etwa eineinhalb Stunden Fußweg außerhalb Travniks eine Nekropole, des Architekten und Bildhauers Bogdan Bogdanovic an die Toten.

Die zwölf Monolithen des Denkmals sind in einem einheitlichen Stil gestaltet, unterscheiden sich jedoch in Details, sodass jeder Stein individuell wirkt. Welche Bedeutung Bogdan Bogdanović mit dieser Formensprache vermitteln wollte, bleibt bewusst offen. Auffälligstes Merkmal sind die übergroßen, emotional wirkenden Augen der Figuren. Eine mögliche Deutung sieht in ihnen Anspielungen auf die Amphisbaena, eine mythische Schlange mit zwei Köpfen aus der griechischen Mythologie, die für Ambivalenz, aber auch für Kontinuität steht – ein Motiv, das sich durch viele Arbeiten Bogdanovićs zieht. Andere Interpretationen verstehen die Figuren als „wachsame“ militärische Wächter, die die Landschaft beschützen und unschuldige Opfer symbolisch verteidigen. Die paarweise Anordnung und die Individualität der Monolithen könnten auf einzelne Soldaten verweisen, die Leid und Gewalt erfahren haben und dennoch gemeinsam dagegenstehen.

Wandert man noch ein Stück weiter kommt man in eine ehemalige jugoslawische Muster- und Planstadt

Novi Travnik

Die Stadt Novi Travnik entstand 1949 als eine der jüngsten Neugründungen des sozialistischen Jugoslawiens. Zunächst trug sie den Namen Pucarevo, benannt nach Đuro Pucar, und wurde später umbenannt. Ihr Entstehen war eng mit dem Aufbau des Rüstungs- und Maschinenbauunternehmens Bratstvo BNT verbunden, das bereits ab 1950 produzierte und seine Erzeugnisse sowohl im Inland als auch international lieferte. Mit dem raschen Wachstum des Betriebs wuchs auch der Bedarf an Arbeitskräften, sodass Arbeiter aus allen Teilen Jugoslawiens angesiedelt wurden; zeitweise lebten auch Ausländer in der Stadt. Das Durchschnittsalter war ungewöhnlich niedrig, weshalb Novi Travnik den Spitznamen „Stadt der Jugend“ erhielt.

Wie viele neue Industriestädte der Tito-Zeit war Novi Travnik als Planstadt konzipiert: Wohnblöcke, Schulen, Kulturhaus, Sportanlagen und Arbeiterklubs bildeten gemeinsam mit dem Werk eine funktionale Einheit. Industrie und Wohnen wurden bewusst kombiniert, um Modernisierung, soziale Integration und wirtschaftliche Entwicklung gleichzeitig voranzutreiben. Architektonisch dominierte der funktionale Modernismus der 1950er bis 1970er Jahre, vergleichbar mit anderen bosnischen Industrieorten dieser Epoche. In diesem Sinn kann Novi Travnik als typische jugoslawische Plan- und Musterstadt gelten, auch wenn sie nie offiziell so bezeichnet wurde wie etwa Novi Beograd.

Der Bosnienkrieg hinterließ tiefe Spuren: Die Stadt war zeitweise faktisch in einen muslimischen und einen kroatischen Teil getrennt, eine Teilung, die erst 1997 formell aufgehoben wurde; nur ein Teil der Bewohner kehrte zurück.

Und irgendwo dazwischen: ein Löwe aus Wien.

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