Die Steyrer Stadtschreiberin Regina Hilber hat mich zu einem Briefverkehr über Steyr eingeladen. Here it starts – Teil 1


Lieber Christoph,

als ich Anfang Juli die Kollergasse bezog und auf meinem literarischen Reißbrett die spontane Idee zu meiner Weblog-Rubrik STEYR goes around entwarf mit Bild & Textbeiträgen wusste ich noch nicht, dass der Platz bereits besetzt war: Von Kepler Salon goes Steyr bis Mural Harbor goes Steyr bzw. mein eigener Weblog STEYR goes around als Stadtschreiberin – viel wurde zu Beginn der OÖ Landesaufstellung aufgepoppt, gegangen und assoziiert mit der Kleinstadt am Zusammenfluss von Enns und Steyr.

Je länger ich seitdem im Begleitprogramm wie an den Sideboards wühlte, desto obsoleter erschien mir meine eigene Rubrik. Braucht Steyr bzw. die OÖ Landesausstellung meinen Weblog bei all dieser Fülle? Welche Kreise wird STEYR goes around ziehen? Beziehungsweise wird er jenen Kreis überhaupt schließen? Stehen meine Bilder & Texte in Konkurrenz zu all den Fotoserien-Bloggern auf Facebook & Co? Auch du betreibst einen Blog – die sog. Kulturtipps auf Stadtkult-Steyr.at.

Spontan dachte ich anfangs an Ausverkauf, an Überangebot, so wie ich den Stadtplatz Steyr erlebe: selten darf der schöne Stadtplatz einfach nur Platz sein. Ohne Marktbestandelung. Ohne Nippes anlässlich des Keramikmarkts and so on. Ohne Christbekindelung über Wochen, Monate. Möchte so ein Platz nicht auch hin und wieder ganz er selbst sein? Leer sein? Ganz leer? Ohne Bestuhlung, Beschirmung, Beschilderung?

Wie Wiens Rathausplatz darf auch der Stadtplatz in Steyr seltenst freie Fläche sein zwischen Häuserfront Ost und Häuserfront West und somit zu einer Ästhetik zusammenfließen.

Zurück zu den Blogs: Ist das alles zu viel? Oder noch zu wenig? Auf der offiziellen Seite der OÖ Landesausstellung findet sich auch der Blog der Jugendredaktion YOUTHMAG LA21 und selbst das Gasthaus Schwechater mutiert zu SchwechARTer. Ergänzen sich die einzelnen Initiativen? Korrespondieren sie untereinander? Letzteres nehme ich zum Anlass und suche den direkten Draht: I go Christoph Jungwirth und gebe meine Fragen an dich weiter. Overdosed by undersized? Sag du es mir!

Regina Hilber


Liebe Regina

Danke dir fürs Fragen weitergeben. Zuerst dachte ich beim Lesen, was soll ich auf die Frage sagen, ob Du und Dein weblog zu viel sind. Klar kommst Du in eine Stadt, in der nicht Wüste herrscht, unabhängig von der Landesausstellung. Beim zweiten Lesen und „Blättern“ in Deinem Weblog formulierte ich 4 Antworten. Vielleicht passen sie für Dich.

Erstens: SteyrerInnen sagen zu oft und sehr gerne, wir würden in der schönsten Stadt leben, damit wird die Idee von Einzigartigkeit verbunden. Auf Deinem weblog finden sich Schnappschüsse aus Steyr, die du mit anderen Orten assoziierst – das Dach der Kirche Münichholz mit Zakopane, ein Holzhaus am Tabor mit dem Schwarzwald, die Pachergasse mit Manhattan. Das verweist nicht nur darauf, dass es wo anders auch der interessanteste Fleck der Ede sein kann und dass eine Außensicht, in dem Fall die der Stadtschreiberin gegen Selbstgefälligkeit hilft.

Zweitens: In Steyr neigen wir dazu, unsere Kleinstadt zu romantisieren, an den schönen Häusern, der lieblichen Landschaft zu hängen und alles nur wunderbar zu finden. Schadet gar nicht etwas tiefer zu graben und sich etwa zu erinnern, dass der bürgerliche Reichtum aus dem 19 Jahrhundert, das Schloss Vogelsang oder auch die vielgerühmt Schwimmschule blutigst erkauft wurden. Konnte es doch nur gebaut und geschaffen werden, weil unsere Vorfahren mehr als gut an Waffen für die Kriege Europas verdienten. Und dagegen hilft jede Form von – in diesem Fall stadtschreibender – Außensicht, auch wenn es nur eine Stimme im Konzert vieler ist, gut. Insofern hast Du mit Deinem „Da ist die Stadtschreiberin jetzt zu viel“ nicht recht. Aber mit einem anderen „zu viel“ sehr wohl.

Drittens: Der Stadtplatz ist ein Symbol für Vieles in unsere Zeit – wir stopfen uns voll, müllen uns zu und halten Leere, in der was entstehen könnte, das wir nicht sofort planen, schlecht aus. Steyr diskutiert seit langem immer wieder über den Stadtplatz – und dabei werden die Boller, Töpfe Schilder, Schirme und Bäume in Container immer mehr – wie, wenn wir eine kollektive Angst vor einem leeren Platz, vor einer wunderbaren italienischen Piazza hätten.

Viertens: noch was zu Steyr. Ich lese gerad ein Kajatan Leitners „Vaterländische Reise von Grätz … nach Steyr“ aus 1798. Dieser Schreiber war auch ein temporärer Stadtschreiber in und über Steyr. Sein Succus “Man fühlt (in Steyr) bald, dass man hier in allem gerne beim Alten bleibt und die Fortschritte der Wissenschaften in den neueren Zeiten nicht alleine verkennt, sondern auch für gefährlich hält.“

In der Hoffnung, dass Dein Resümee nach einigen Monaten Stadtschreiberei „gnädiger“ ausfallen wird.

Christoph Jungwirth

Kommentare für “LET IT GO GO – Steyr hinaus und Steyr hinein – Stadtschreiberin Regina Hilber und Christoph Jungwirth – Teil 1

  • Zitat:..“Zweitens: In Steyr neigen wir dazu, unsere Kleinstadt zu romantisieren“ – gut für alle, die das können, weil sie in dieser sehr außergewöhnlichen Stadt leben; vielleicht hilft es ja sogar im Kampf ums tägliche Dasein.

    Meine Begegnung mit Steyr – aus Regensburg in Bayern kommend – lief in Etappen ab: Ich mußte dreimal hinfahren (und herkommen, ich bin gerade da), und immer wieder anschauen, was ich auf meinen Wanderungen durch die Stadt sah – jedesmal kamen neue Assozationen dazu.
    Zweifellos hat Steyr eine Magie, die aus der Lage am Zusammenfluss von Enns und Steyr und dem darum herumgebauten Machtzentrum aus früheren Jahrhunderten rührt – die ist unzerstörbar, und wird auch nicht durch Christkindlmärkte und sonstige Vermarktungsaktionen unwirksam.
    Andererseits gibt es ja tatsächlich sehr wertvolle kulturelle Angebote, wie z.B. die Steyrer Literaturtage, oder die Landesausstellung 2021, die der Großzügigkeit der Anlage entsprechen….und dann gab es hier diesen Maler, dessen 100. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wurde..Karl Mostböck.

    Mit anderen Worten: Hier tut sich auch heutzutage noch sehr viel, man lebt nicht nur von der großartigen Vergangenheit. Das ist ein Zeichen für die Lebendigkeit der Stadtgesellschaft – dazu kann man nur gratulieren!

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